Schloss Schliestedt
Landkreis Wolfenbüttel, Niedersachsen
Das Schloss Schliestedt wurde ab 1748 für Heinrich Bernhard von Schrader (1706–1773) errichtet und gilt als einer der gediegensten Rokokobauten des Braunschweiger Raums. Schrader entstammte einer angesehenen Braunschweiger Bürgerfamilie und war von Herzog Karl I. geadelt worden. 1747 erwarb er das Rittergut Schliestedt und leitete unmittelbar danach den Neubau ein. Als einflussreicher Berater und ab 1754 herzoglicher Minister nahm Schrader eine bedeutende Rolle im politischen Umfeld ein, verstarb jedoch hoch verschuldet.
In den rechteckig angelegten Neubau wurde ältere Bausubstanz einbezogen. Der Entwurf wird dem Landbaumeister Martin Peltier de Belfort zugeschrieben, der auch die Anlage des Schlossgartens konzipierte. Peltier, ursprünglich aus der Wallonie stammend, führte die Formensprache des Rokoko in das Braunschweiger Land ein und prägte die Gestaltung von Fassade und Innenräumen entscheidend.
Die Lage des Schlosses in einer sanften Mulde verweist auf den ursprünglichen Wassergraben; der Zugang zum Hauptportal erfolgt noch heute über eine Fußgängerbrücke. Das steinsichtige Sockelgeschoss zeigt große Rundbögen, die nach der Trockenlegung des Grabens vermauert wurden. Die symmetrische Hauptfassade erstreckt sich über neun Fensterachsen und wird durch einen dreiachsigen Mittelrisaliten akzentuiert. An den Gebäudeecken und Risalitskanten finden sich Putzquaderimitationen; der Übergang zwischen den Geschossen wird durch ein flaches Gesimsband betont. Das stichbogige Portal ist von dorischen Pilastern und einem darüberliegenden Gebälk gerahmt; der Fries trägt die Inschrift procul negotiis („Glücklich, wer fern von Geschäften ist“). Die Fensteranordnung ist rhythmisch und zur Mittelachse hin verdichtet. Im Obergeschoss des Risalits belichten drei große Stichbogenfenster mit reich profilierten Stuckrahmungen den Festsaal. Der Risalitgiebel ist besonders aufwendig mit phantasievollem Rokokostuck verziert.
Das Innere des Schlosses bewahrt weitgehend die Ausstattung der Bauzeit. Hervorzuheben sind das Vestibül mit dem seitlich gelegenen Treppenhaus sowie die Haupträume, insbesondere Gartensaal und Festsaal, die in den heiteren Formen des Rokoko vollständig ausgeschmückt sind. Durch die plastisch gestalteten Stuckornamente, die abgerundeten Ecken und Spiegel entsteht eine nahezu fließende Verbindung von Wand- und Deckenflächen, wodurch die Räume eine lebendige und harmonische Raumwirkung entfalten.
Seit 1996 wird Schloss Schliestedt als Alten- und Pflegeheim genutzt; zugleich dient es für kulturelle Veranstaltungen, wodurch die historische Substanz funktional erhalten und der Öffentlichkeit zugänglich bleibt.
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Sándor Kotyrba
Sándor Kotyrba