Kaiserpfalz
Kaiserbleek 6, Goslar, Niedersachsen
Seit dem Bau der Kaiserpfalz um das Jahr 1050 und der fast zeitgleich errichtenen Stiftskirche St. Simon und Juda besaß der Pflazbezirk einen rechtlichen und städtebaulichen Sonderstatus. Bis ins 18. Jahrhundert hinein gehörte der Stiftsbezirk zum Königsgut und unterstand nicht der städtischen Justiz. Baulich brachte diesen Umstand eine eigene Ringmauer um das Areal zum Ausdruck.
Das von Kaiser Heinrich III. gegründetet Stift erhielt das Privileg frei von päpstlicher, bischöflicher und weltlicher Gerichtsbarkeit zu sein. Einzig der Bischof von Hildesheim behielt soviel Entscheidungsfreiheit über das Stift, wie es den kanonischen Gesetzen entsprach. Von Kaiser Heinrich III. gegründet, fungierte die Stiftskirche teilweise als seine eigene Hofkapelle zur Ausbildung geistlicher Berater sowie für lese- und schreibkundige Hofbeamte.
Vermutlich wurde das klösterliche Leben in der Stiftskirche bereits im 12. Jahrhundert aufgegeben. Stattdessen erbauten sich die Kanoniker eigene Höfe (Kurien) die noch innerhalb der Ringmauer lagen um weiterhin die Vorteile der „Stiftsfreiheit“ für sich zu nutzen. Nach der Reformation verwalteten die Mitglieder nur noch den Besitz des Stiftes und teilten die einnahmen unter sich auf.
Im Gegensatz zur Goslarer Altstadt, wo die Grundstücke meist klein und eng bebaut sind, stehen die Kurien im Pfakzbezirk frei und auf wesentlich größeren Arealen. Die großen Grundstücke ermöglichten den Besitzern der Kurien eigenen Gartenbau um sich mit der Ernte selbst zu versorgen.
Auf Grund dieser freien Struktur mit großen Grundstücken gab es im PFalzbezirk keine urbane oder verkehrstechnische Struktur.
Bedeutung: Pfalz
Das Wort „Pfalz“ leitet sich vom lateinischen Begriff „palatium“ ab, der „Palast“ oder „Kaiser-/Königsresidenz“ bedeutete. Eine Pfalz war im Mittelalter ein vorübergehender Königssitz oder Kaiserresidenz des Heiligen Römischen Reiches. Da die Herrscher ihren Hof von Stadt zu Stadt verlegten, dienten Pfalzen als Orte temporärer Herrschaft und Verwaltung. Sie vereinten Repräsentation und funktionale Nutzung in einem Bauensemble aus Saalbau, Wirtschaftsgebäuden und Kapelle. Pfalzen waren nicht dauerhaft bewohnt. Strategisch wurden sie in wichtigen Städten oder in der Nähe wirtschaftlich bedeutender Ressourcen wie Bergwerken errichtet. Pfalzen waren nicht nur politisches Zentrum, sondern auch Schauplatz von Hof- und Reichstagen. Ergänzende Bauten für Beamte, Geistliche oder Hofdiener schufen eine funktionale Infrastruktur. Viele Pfalzen sind heute noch erhalten oder archäologisch nachweisbar und geben Einblicke in mittelalterliche Herrschaftsstrukturen.
Luftbilder
Luftbild der Kaiserpfalz in Goslar mit Ulrichskapelle, Mittelbau, ehemaligem Wohnbau und den Standbildernder Kaiser Wilhelm I. sowie Barbarossa, Kaiser Friedrich I. aus Richtung Südosten.
Außenbau
Die Kaiserpfalz, auch als sogenanntes Kaiserhaus bekannt, wurde auf Bitten seiner Gemahlin Gisela von Kaiser Konrad II. vor 1038 errichtet. Bischof Godehard von Hildesheim (†1038) ließ eine Kirche „in curte regali“ erbauen. Die nach Osten gelegene Liebfrauenkirche am Nordende der Pfalz wird erst 1108 urkundlich erwähnt, als von einer „capella regis et St. Mariae“ die Rede ist. Ein Brand im Jahr 1065 hatte wohl keine gravierenden Schäden zur Folge. Am Südende entstand die Ulrichskapelle, vermutlich im 2. Viertel des 12. Jahrhunderts.
Im Jahr 1132 stürzte der Saalbau während eines Hoftages Lothars von Süpplingenburg ein. Ein weiterer Brand ereignete sich 1289. 1290 ging die kaiserliche Vogtei an den Stadtrat über, der die Pfalz als Gerichtsstätte und Sitz der Zollverwaltung nutzte. 1477 erfolgte eine Erneuerung des Bauwerks. Die Einrichtung als Jesuitenkolleg, die 1629 begonnen wurde, wurde durch den Einmarsch der Schweden verhindert.
Im 19. Jahrhundert kam es zu weiteren Schäden: 1820 stürzte der nördliche Anbau teilweise ein, wurde jedoch bald als Landmagazin wiederhergestellt. Der Südteil der Ostfassade und der große Mittelbogen brachen ebenfalls zusammen und wurden nur notdürftig in Fachwerk geflickt. 1865 stürzte die Südhälfte der westlichen Rückwand ein, der vollständige Abbruch wurde vom Rat jedoch verhindert. Das Gebäude ging zunächst an die hannoversche Staatsregierung und später an Preußen über.
Ab 1868 fanden Wiederherstellungsmaßnahmen statt, die 1879-1897 durch Ausmalungen von H. Wislicenus aus Düsseldorf ergänzt wurden. 1886/87 wurde eine große Freitreppe vor der Ostfassade hinzugefügt. Diese historisierenden Erneuerungen zielten darauf ab, die Pfalz als prominentes Nationaldenkmal des neuen Kaiserreichs zu präsentieren und den Anspruch auf historische Kontinuität zu betonen. Die mittelalterlichen Bauphasen sind durch die vielfachen Umgestaltungen heute nur schwer voneinander zu unterscheiden.
Ansicht der Kaiserpfalz in Goslar mit der Ulrichskapelle, dem Kaiserhaus, Braunschweiger Löwe und der ursprünglichen Wohnbau von Osten.
Zentralperspektive der Kaiserpfalz im Winter aus Richtung Osten.
Reiterstandbilder von Kaiser Wilhelm I. und Kaiser Friedrich I. Barbarossa.
Südostansicht der Kaiserpfalz in Goslar mit der Ulrichskapelle, dem Kaiserhaus und den Reiterstatuen.
Zentralperspektive der Kaiserpfalz im Winter aus Richtung Osten.
Ostansicht der Kaiserpfalz in Goslar mit dem Denkmal von Kaiser Wilhelm I. (links) und und Barbarossa, Kaiser Friedrich I. (rechts) im Winter.
Um das Jahr 1200 errichteter Treppenvorbau mit Tonnengewölbe über der Durchfahrt und Drillingsfenstern im Obergeschoss an der Ostfassade der Kaiserpfalz in Goslar
Kaiserhaus
In der Mitte der Anlage befindet sich der Saalbau von 47 × 15 m, damit größer als andere deutsche Pfalzen und sogar größer als die Aachener Palastaula. Unmittelbar nördlich schließt ein erneuerter Wohnflügel an, der bei gleicher Höhe und 18 m Tiefe 18 m lang ist. Nach Süden führt ein Verbindungsgang zur Ulrichskapelle. Früher war das Kaiserhaus von kleineren Baulichkeiten umstellt. Die Gesamtdisposition lässt sich gut mit der Bamberger Bischofs- und Königspfalz vergleichen.
Die ergrabenen Grundmauern des ersten Palas östlich des heutigen Baus stehen in Zusammenhang mit der 1913/14 ergrabenen Liebfrauenkapelle, einer dreischiffigen Kapelle mit dreiteiligem Westbau. Eine Doppelkapelle mit Verbindungslücke ist nicht belegbar, und die Datierung um 1035 gilt als sehr früh. Grundrisslich zeigt die Kapelle Parallelen zur deutlich jüngeren Doppelkapelle der Burg Dankwarderode in Braunschweig. Aus dem 11. Jahrhundert stammen noch die Ostwand des Palas bis in drei bis vier Meter Höhe, die Fundamente der Rückwand sowie die nördlichen und möglicherweise auch südlichen Eckpfeiler der Arkadenfenster im Obergeschoss. Diese tragen jeweils zwei Säulenpaare – die des südlichen Pfeilers mit polygonalen Würfelkapitellen, die des nördlichen mit achtseitigen Schildkapitellen. Vermauerte Bögen im Erdgeschoss deuten auf große Doppelfenster unter Rundbogenblenden hin.
Der zweigeschossige Palas zeigt im Kern staufische Elemente aus dem späten 12. Jahrhundert. Das Untergeschoss beherbergte ursprünglich einen niedrigen, flachgedeckten Saal, das Obergeschoss einen gewaltigen Saal für große Veranstaltungen. Unter Heinrich IV. entstanden die Rechteckfenster, der große mittlere Bogen – seit der Restaurierung 1873–79 ohne Befund durch Arkaden unterteilt – sowie die Arkadenfenster, die im 13. Jahrhundert erneut erneuert wurden. Die Nordhälfte wurde vor dem Brand von 1289 wiederhergestellt, was sich an Brandspuren der Originale zeigt. Die letzte staufische Ergänzung stellt der Treppenvorbau an der Südostecke des Saales um 1200 dar: eine zweiarmige Freitreppe, vermutlich anstelle eines älteren Aufgangs an der südlichen Schmalseite. Eine Durchfahrt am Nordende muss ebenfalls bestanden haben; das Datum der westlichen Strebepfeiler ist unbekannt.
Im Erdgeschoss wurde der Mittelraum durch ein Querhaus mit Mauer über Dreierarkaden ausgeschieden, die seitlichen Trakte in je zwei Schiffe unterteilt, die die Unterzüge des 15 m breiten Saalbodens trugen. Nach 1289 wurde das Erdgeschoss in sieben Querräume mit Spitztonnen unterteilt. Im Obergeschoss gibt es ebenfalls einen Querraum, in dem vermutlich der Thron aufgestellt war, sowie in den seitlichen Trakten Stützenreihen in Längsrichtung. Die heutigen sechs Holzstützen von 1477 tragen mit ornamentierten Kopfbändern die Balkendecke und ersetzten möglicherweise ursprüngliche Steinstützen. Die Überhöhung des Mittelraumes durch ein hölzernes Tonnengewölbe ist eine moderne Ergänzung. Ausgrabungen zeigten zudem eine Hypokausten-Anlage des Erdgeschosses aus dem späten 12. Jahrhundert.
Die Ausmalung erfolgte 1879-1896 nach einem Wettbewerb durch den Düsseldorfer Historienmaler H. Wislicenus. Vielfigurige Szenen aus der mittelalterlichen Kaisergeschichte, ergänzt durch Darstellungen der Goslarer Pfalzgeschichte, gipfeln im großen Zentralmotiv, das die Neugründung des Deutschen Reiches unter Wilhelm I. zeigt.
An den beiden Enden des Kaiserhauses befanden sich Wohnbauten. Der bestehende nördliche Bau wurde erst Ende des 19. Jahrhunderts in neuromanischen Formen errichtet, teilweise auf alten Fundamenten. Vor der Pfalz stehen zwei Reiterstandbilder von 1900: Friedrich Barbarossa von R. Toberentz und Wilhelm I. von W. Schott, ergänzt durch zwei Kopien des Braunschweiger Löwen.
Wintersaal im Erdgeschoss des Mittelteil der Kaiserpfalz in Goslar mit Blick in Richtung Süden.
Eingang zum Raum mit dem originalen Thron der Salier Kaiser in der Kaiserpfalz in Goslar.
Originalthron der Staufer und Salier im Erdgeschoss der Kaiserpfalz in Goslar, eine Kopie ist in der Domvorhalle durch eine Glasscheibe zu sehen.
Kaisersaal im Mittelbau der Kaiserpfalz in Goslar mit Blick nach Norden.
Zentralmotiv im Kaisersaal der Kaiserpfalz in Goslar.
Steilblick zur Decke im Kaisersaal der Kaiserpfalz in Goslar.
Dachstuhl über dem Kaisersaal
Ulrichskapelle
Zu den Gründungsdaten der Doppelkapelle liegen keine zeitgenössischen Nachrichten vor. 1575 wurde sie in ein Gefängnis umgewandelt. Zwischen 1875 und 1878 erfolgte eine umfangreiche Restaurierung: Die Ostapsis, der südliche Querarm und die obere Hälfte des Obergeschosses wurden ergänzt, ebenso die inneren Stützen. Die Rekonstruktion der Oberkapelle kann daher nicht als vollständig zuverlässig gelten.
Das Untergeschoss ist in Form eines griechischen Kreuzes errichtet; die Querarme enden jeweils in kleinen Trikonchen, ähnlich wie in Schwarzrheindorf. Äußere Trompen in den einspringenden Ecken leiten zum polygonalen Achteck des Obergeschosses über. Das Untergeschoss besteht aus Quadermauerwerk, mit Außengliederungen aus dünnen Säulenvorlagen und Platten-Bogenfries über einfachen Tütenkonsolen. Das Obergeschoss ist aus Bruchsteinmauerwerk errichtet und an den Ecken durch gequaderten Ecklisenen gegliedert, der Farbwechsel betont die Struktur.
Die Kreuzarme der Unterkapelle sind tonnengewölbt, und die bewegte Raumform wird durch Apsiden und Nischen verstärkt. Eine schachtartige Verbindungsöffnung zum Obergeschoss prägt den Raum. Die Freistützen im Obergeschoss waren ursprünglich Vierkantpfeiler mit Rundbögen, die eine steinerne Laterne trugen.
Die Raumgestaltung der Unterkapelle lässt an byzantinische Einflüsse denken. Die Außengliederung und das Sockelprofil, vergleichbar mit den Anfang des 12. Jahrhunderts erneuerten Teilen des Georgenbergs, deuten auf eine Entstehung unter Lothar III. im zweiten Viertel des 12. Jahrhunderts hin. Als Vorbilder für Grund- und Aufriss kommen San Galliano (9.–10. Jahrhundert), das Theoderich-Grabmal in Ravenna und die Kapelle über dem Mariengrab im Josaphattal bei Jerusalem infrage, die ebenfalls über einem kreuzförmigen Untergeschoss ein polygonales Obergeschoss aufweisen.
Eine Grabplatte für Kaiser Heinrich III., aus der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts, war ursprünglich als Stiftergrab in der Vierung des sogenannten Doms aufgestellt, da nur das Herz des Kaisers in Goslar beigesetzt wurde. 1884 wurde sie in die Pfalzkapelle übertragen; der Unterbau dieser Grabplatte ist historisierend gestaltet.
Nordostansicht der Ulrichskapelle in der Kaiserpfalz in Goslar.
Westansicht der Ulrichskapelle mit dem Kaiserhaus der Kaiserpfalz in Goslar.
Ostansicht der Ulrichskapelle
Blick nach Osten in der Ulrichskapelle mit Grabmal von Kaiser Heinrich III. im Erdgeschoss mit Hauptapsis.
Steilblick in der Ulrichskapelle mit Grabmal von Kaiser Heinrich III. im Erdgeschoss der Kaiserpfalz.
Westblick in der Ulrichskapelle mit Grabmal von Kaiser Heinrich III., Tonnengewölbe und Gurtbogen.
weitere Bilder
aus Goslar






















Sándor Kotyrba
Sándor Kotyrba